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Pompeji und Herculaneum

Die Silhouette des Vesuvs verleiht dem Golf von Neapel ein unverwechselbares Gesicht. Dem Ausbruch vom 24. August 79 n. Chr. verdankt Kampanien seine bedeutendste Sehenswürdigkeit. Die damals verschüttete und im 18. Jh. wieder entdeckte Stadt Pompeji zieht als größtes Freiluftmuseum der römischen Antike jedes Jahr Millionen von Besuchern an. Hier am Fuße des Vesuv schlugen die Geburtstunden zweier Wissenschaften, im frühen 18. Jh. jene der Archäologie und Mitte des 18. Jh. die der Vulkanologie.

Zu den eifrigsten Vesuv-Beobachtern der frühen Stunde zählte Sir William Hamilton, von 1764–1800 britischer Botschafter am neapolitanischen Königshof. Die Schriftstellerin Susan Sonntag hat dem "Liebhaber des Vulkans" einen ebenso klugen wie amüsanten Roman gewidmet. Trotz seiner herausragenden Leistungen als Diplomat, wissenschaftlicher Beobachter, Kunstsammler und Mäzen verdankt Hamilton seine Bekanntheit vor allem der leidenschaftlichen Affäre seiner jungen Frau Emma mit Admiral Nelson. Während seiner Amtszeit in Neapel hatte der englische Botschafter den Vesuv insgesamt 58 Mal bestiegen, sein Briefwechsel mit der Royal Society in London bildet die Grundlage der modernen Vulkanforschung.

Der Vesuv, Pompeji, aber auch das kleinere und viel besser erhaltene Herculaneum sind, zumindest aus dem nördlichen Cilento, in einem Tagesausflug gut zu erreichen. Planen Sie doch Ihre eigene Grand Tour! Kleiner Tipp: Nehmen Sie sich für einen Tag nicht zuviel vor und konzentrieren sich lieber auf eine Sache.

Herculaneum

"Nun durften wir nicht länger säumen, Herkulanum und die ausgegrabene Sammlung in Portici zu sehen. Jene alte Stadt, am Fuße des Vesuvs liegend, war vollkommen mit Lava bedeckt, die sich durch nachfolgende Ausbrüche erhöhte, so daß die Gebäude jetzt sechzig Fuß unter der Erde liegen. Man entdeckte sie, indem man einen Brunnen grub und auf getäfelte Marmorfußböden traf. Jammerschade, daß die Ausgrabung nicht durch deutsche Bergleute recht planmäßig geschehen; denn gewiß ist bei einem zufällig räuberischen Nachwühlen manches edle Altertum vergeudet worden." Goethe, Italienische Reise, 18. März 1787

Unter der ausufernden Bebauung des modernen Ercolano schlummern immer noch zwei Drittel des antiken Herkulaneum. Anders als Pompeji wurde die Stadt beim Vesuvausbruch im Jahr 79 nicht vom Ascheregen verschüttet, sondern von einer Glutwolke erfasst und unter einem mächtigen pyroklastischen Strom begraben. Diesem Umstand ist der außergewöhnlich gute Erhaltungszustand der Holzbauteile, Holzmöbel, von Schriftstücken und Nahrungsmitteln zu verdanken. Manches ist im Detail viel besser erhalten als in Pompeji, und der Besuch von Herculaneum lässt sich meist als entspannte Zeitreise in den Alltag der römischen Antike genießen, während die Besuchermassen das berühmtere Pompeji heimsuchen. Für eine ausführliche Besichtigung sollte man mindestens zwei Stunden einplanen und im Anschluss einen Blick auf die nahe Villa Campolieto werfen.

Das römische Herculaneum war eine beschauliche Hafenstadt mit 5000 Einwohnern. Ein Großteil der Bevölkerung ging, wie archäologische Funde beweisen, dem Fischfang nach. Der überwiegende Teil der Häuser nimmt sich bescheiden aus, während prachtvolle Patriziervillen sich in bevorzugter Lage über dem Meer erheben. Gerade als die villegiatura an der Golfküste im 18. Jh. eine Renaissance durch den neapolitanischen Adel erfuhr, wurde Herkulaneum wieder entdeckt. Bei Ausschachtungen eines Brunnens stieß man 1709 zufällig auf das antike Theater. Fürst d’Elbouef ließ Stollen treiben, um die Skulpturen zu bergen, die heute im Museo Archeologico von Neapel zu bewundern sind. Drei der Skulpturen ließ der Fürst, unter Umgehung des auch damals schon bestehenden Ausfuhrverbots von Altertümern, zu einem Verwandten nach Wien schaffen. Aus dessen Erbmasse erwarb sie später der sächsische König August III. für seine Skulpturensammlung in Dresden, und hier wurde auch Johann Joachim Winkelmann, theoretischer Vorreiter der Archäologie, der "Herkulanerinnen" angesichtig. Seine enthusiastische Beschreibung löste einen ersten Touristenansturm auf den Golf von Neapel aus: "Die griechische Draperie ist mehrenteils nach dünnen und nassen Gewändern gearbeitet, die sich folglich, wie Künstler wissen, dicht an die Haut und an den Körper schließen und das Nackende desselben sehen lassen (…). Das allgemeine vorzügliche Kennzeichen der griechischen Meisterstücke ist endlich eine edle Einfalt, und eine stille Größe, sowohl in der Stellung als im Ausdrucke." Unter Karl III. setzten sich die Grabungen unter Tage fort. 1750 entdeckte man außerhalb der Stadtmauern die Villa dei Papiri mit einer großen Bibliothek. Eine beeindruckende Rekonstruktion der Villa  steht im kalifornischen Malibu, in den 1970er Jahren im Auftrag des Erdölmilliardärs J. P. Getty errichtet.

 

In Google-Earth-Manier punktgenau im Ausgrabungsgelände von Pompeji oder Herculaneum landen und im Street View-Modus spazieren gehen: Die ausgezeichnete Website der Sopraintendenza Archeologica di Pompei  (Altertümerverwaltung) bietet ausführliche Beschreibungen von Boscoreale, Herculaneum, Oplontis, Pompeji und Stabia, dazu touristische Infos (Öffnungszeiten, Eintritte, Reisende mit Handicap, Karten der Ausgrabungen als Download u.v.m.), Grabungsgeschichte und virtuelle Rundgänge. Große und kleine Kinder können in Begleitung des 8-jährigen Caius das antike Pompeji virtuell erkunden (und dabei Italienisch lernen).

Rettung vor dem nächsten Untergang: Noch bis vor wenigen Jahren platzten überall Fresken von den Wänden, Regenwasser drang in die Häuser, in morschen Mauern nisteten Tauben, und Grundwasser bedrohte die antiken Ruinen. Zum Erhalt der einzigartigen Antikenstätte wurde das der Herculaneum Conservation Project ins Leben gerufen. Seither haben Archäologen der British School at Rome in Zusammenarbeit mit der Sopraintendeza Archeologica di Pompeii und mit großzügiger finanzieller Unterstützung des Packard Humanities Institute in Herculaneum wegweisende Arbeiten durchgeführt. Nicht neue Ausgrabungen, sondern intelligente Konservierungsmethoden stehen im Vordergrund. Nur in einem Fall wurde ausgegraben, und zwar die antiken, vom Vesuvausbruch 79 verstopften Kanalisationen. Damit bekam man das Grundwasserproblem endlich in den Griff und nebenbei kam "the best roman shit in the world" ans Tageslicht, die umfangreichste Ausgrabung antiker menschlicher Hinterlassenschaften. Die Kloake, aber auch alle wichtigen überirdischen Bauwerke sind in QuickTime VR zu sehen.

Futuristische Wege geht das Museo Archeologico Virtuale, untergebracht in der klassizistischen Ex-Scuola Iaccarino, wenige Schritte von den Ausgrabungen entfernt. Computeranimationen, Hologramme, Geräusche und sogar Gerüche lassen eine untergegangene Welt wiederauferstehen (die notwendigerweise abgedunkelten Räume sind vielleicht nicht jedermanns Geschmack).

Eine detailliertere Beschreibung der Ausgrabung von Herculaneum ist im Reisehandbuch "Golf von Neapel - Kampanien, Cilento" nachzulesen.

Pompeji

"Sonntag waren wir in Pompeji. – Es ist viel Unheil in der Welt geschehen, aber wenig, das den Nachkommen so viel Freude gemacht hätte. Ich weiß nicht leicht etwas Interessanteres. Die Häuser sind klein und eng, aber alle inwendig aufs zierlichste gemalt. Das Stadttor merkwürdig, mit den Gräbern gleich daran. Das Grab einer Priesterin als Bank im Halbzirkel mit steinerner Lehne, daran die Inschrift mit großen Buchstaben eingegraben. Über die Lehne hinaus sieht man das Meer und die untergehende Sonne. Ein herrlicher Platz, des schönen Gedankens wert." Goethe, Italienische Reise, 13. März 1787

Im August 79 wurde Pompeji vollständig unter den Auswurfmassen des Vesuvs begraben und blieb so der staunenden Nachwelt erhalten. Die Wiederentdeckung der römischen Provinzstadt im 18. Jh. eröffnete ein einzigartiges Zeitfenster in römische Geschichte und Alltag (Alltag ist in diesem Fall relativ zu verstehen, Pompeji war nach den schweren Erdbebenschäden von 62 eine Stadt im Wiederaufbau).

Als Pompeji verschüttet wurde, ging eine 700-jährige Stadtgeschichte abrupt zu Ende. Italische Osker hatten im 7. Jh. v. Chr. ein Lavaplateau an der Mündung des damals schiffbaren Sarno befestigt. Schnell entwickelte sich der Marktflecken in der fruchtbaren Campania zu einem blühenden Handelsplatz. Im Laufe der Zeit geriet Pompeji unter griechischen, etruskischen und Ende des 5. Jh. v. Chr. unter samnitischen Einfluss. In Folge starker Zuwanderung wurde das Stadtgebiet bis auf 66 ha erweitert und von einer kilometerlangen Mauer umgeben. Die regelmäßige Anlage der Straßen und rechteckigen Grundstücksparzellen folgte griechischen Vorbildern. Im 3. Jh. v. Chr. erlangte Rom nach mehreren Militärkampagnen die endgültige Vorherrschaft in der Campania. Pompeji ging mit Rom eine politische Allianz ein, behielt aber weitgehend seine Autonomie. Im Bundesgenossenkrieg 90–89 v. Chr. kämpften Pompeji und die italischen Städte um die politische Gleichstellung mit Rom und erlangten trotz militärischer Niederlage das römische Bürgerrecht. 80 v. Chr. erhielt Pompeji den Status einer Colonia, tausende Veteranen wurden angesiedelt. Die Verwaltung gelangte in die Hände der neuen römischen Oberschicht, öffentliche Bauwerke wurden neu errichtet. Die sozialen Spannungen zwischen Römern und alteingesessenen Pompejianern nahmen allmählich ab, das Wirtschaftsleben entwickelte eine neue Dynamik.

Zahlreiche villae rusticae, Landgüter, wie sie bei Boscoreale ausgegraben wurden, umgaben die Stadt. Auf den fruchtbaren Vulkanböden gediehen Oliven und Reben. In Pompeji selbst gab es auffällig viele Weinschenken, Wein wurde aber auch exportiert. Pompeji war darüber hinaus für die Erzeugung exzellenten Garums bekannt, einer Würzsoße aus vergorenem Fisch, deren Produktion mit einer erheblichen Geruchsbelästigung verbunden war. Darüber hinaus waren zahlreiche leder- und wollverarbeitende Betriebe in der Stadt angesiedelt. Die Bedeutung des Handels für die Wirtschaft Pompejis lässt sich an den über 600 Ladenlokalen ablesen, weitaus mehr als für die Versorgung der 10.000 Einwohner nötig gewesen wären.

Die privaten Häuser Pompejis spiegeln die unterschiedlichen sozialen Klassen seiner Einwohner wider. Bankiers, Steuerpächter, reiche Händler und Großgrundbesitzer leisteten sich Luxusvillen mit Innenhöfen und Gärten, die sich über eine Grundfläche von bis zu 3000 m2 erstreckten. Die Mittelschicht, Handwerksmeister, Kaufleute und Freigelassene, bewohnte kleinere Häuser, die immer noch eine Nutzfläche von bis zu 450 Quadratmetern aufwiesen. In engen Behausungen, meist ein Laden mit eingezogenem Zwischenboden (pergula) als Schlaflager, lebten ärmere Händler und Handwerker.

In augustäischer Zeit wurde ein Aquädukt nach Pompeji gelegt, der öffentliche Brunnen, Thermen, reiche Privathäuser und Gärten mit Wasser versorgte. Das Freizeitangebot umfasste Theater, Odeon und Amphitheater. Im Jahr 59 n. Chr. bekam das bürgerlichbeschauliche Leben in Pompeji erste Risse, als im Amphitheater Zuschauer aus Pompeji und Nuceria (Nocera) blutig aneinandergerieten. Ein Fresko im Museo Archeologico in Neapel schildert den Vorfall in aller Deutlichkeit. Auf Senatsbeschluss wurde die Arena auf zehn Jahre für Spiele gesperrt. Der nächste Schicksalsschlag ereilte Pompeji am 5. Februar 62, als ein schweres Erdbeben große Schäden anrichtete. Es war ein schwacher Trost, als Kaiser Nero, der im gleichen Jahr die Pompejanerin Poppaea Sabina geheiratet hatte, das Spieleverbot wieder aufhob, denn für die Beseitigung der Erdbebenschäden erhielt die Stadt keine einzige Sesterze aus Rom. Als Pompeji 17 Jahre später, am 24. August 79, dem verheerenden Vulkanausbruch endgültig zum Opfer fiel, war bezeichnenderweise der Wiederaufbau der privaten Häuser und Vergnügungseinrichtungen weiter fortgeschritten als die Restaurierung öffentlicher Verwaltungsbauten. Auch der Zustand vieler öffentlicher Straßen war beklagenswert (Schlagzeilen macht heute der drohende "zweite Untergang" von Pompeji, an dem die Besuchermassen, v.a. aber eine extreme Kürzung des italienischen Kulturhaushaltes unter der Regierung Berlusconi Schuld tragen.).

In Google-Earth-Manier punktgenau im Ausgrabungsgelände von Pompeji oder Herculaneum landen und im Street View-Modus spazieren gehen: Die ausgezeichnete Website der Sopraintendenza Archeologica di Pompei  (Altertümerverwaltung) bietet ausführliche Beschreibungen von Boscoreale, Herculaneum, Oplontis, Pompeji und Stabia, dazu touristische Infos (Öffnungszeiten, Eintritte, Reisende mit Handicap, Karten der Ausgrabungen als Download u.v.m.), Grabungsgeschichte und virtuelle Rundgänge. Große und kleine Kinder können in Begleitung des 8-jährigen Caius das antike Pompeji virtuell erkunden (und dabei Italienisch lernen).

Eine ausführliche Beschreibung der Ausgrabung von Pompeji, mit beschriebenen Rundgängen und eingestreuten Essays zu Themen wie "Brot und Spiele", "Brot und Wein", "Wolfsgeheul im Freudenhaus", "Ein Thermenbesuch" oder "Das pompejianische Haus und seine Wanddekorationen", ist im Reisehandbuch "Golf von Neapel - Kampanien, Cilento" nachzulesen.

Den 15-minütigen Film "Pompeji – Zeitreise in die Antike"  aus der absolut sehenswerten SWR-Reihe "Schätze der Welt – Erbe der Menschheit" gibt es auf der Senderseite – dazu viele weitere, z.B. zu Paestum oder der Costiera Amalfitana.

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